Mentale Gesundheit

Von wegen schwaches Geschlecht

Von Nadine Effert · 2018

Wie sagte der deutsche Schriftsteller Ludwig Börne (1786-1837) einst: „Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit“. Damit hat er nicht unrecht. Jedoch gibt es streng genommen mehr als eine Gesundheit: die männliche und die weibliche. Frauen haben hier ganz spezielle Fragen und werden in ihrem Leben mit anderen Herausforderungen konfrontiert.

Lachende Frau isst Salat aus Schale in der Hand. Thema: Mentale Gesundheit
Foto: iStock/Happycity21

Wieso leide ausgerechnet ich unter regelmäßigen Kopfschmerzattacken? Warum werde ich nicht schwanger? Wieso hat meine Freundin Petra keine Wechseljahresbeschwerden? Warum habe ich seit Kurzem keine Lust mehr auf Sex? Weshalb fühle ich mich so niedergeschlagen?
Nicht alle Fragen, die frau beschäftigen, ihre Gesundheit, Vitalität und ihr Wohlergehen betreffen, lassen sich einfach beantworten. Ist es mein vielleicht nicht ganz so gesunder Lifestyle oder kann ich beispielsweise meinen Genen und Hormonen zumindest eine Teilschuld in die Schuhe schieben? Bei vielen Krankheitsbildern ist eine genetische Veranlagung wahrscheinlich, etwa bei Migräne oder der chronischen Hautkrankheit Neurodermitis. Fruchtbarkeit, Menstruationszyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre – Hormone sind im Leben einer Frau fast immer ein Thema. Dabei sind es längst nicht nur „sexuelle Botenstoffe“, die einen Einfluss haben. Die Kraft der Hormone hat auch ihre Schattenseite, gerät das Gleichgewicht ins Wanken, verderben sie uns Frauen buchstäblich die Laune – mit Stimmungstiefs, Lustlosigkeit und Fressattacken. In den Wechseljahren, mit Abnahme der weiblichen Geschlechtshormone, kommen andere Symptome wie Hitzewallungen und Scheidentrockenheit hinzu. Des Weiteren verliert der Körper wichtige hormonelle Schutzschilder, zum Beispiel gegen Herzinfarkt und Osteoporose. 

Mentale Gesundheit im Fokus

Weitaus früher im Leben einer Frau ist ein Kandidat besonders häufig im Einsatz: das wichtigste Stresshormon Cortisol. Ein auf Dauer zu hoher Cortisol-Spiegel kann zu seelischen Leiden und auch psychischen Erkrankungen führen. Vor allem der Spagat zwischen Job und Familie, den moderne Frauen heutzutage meistern müssen, führt bei vielen zu Stress. Nicht alle haben obendrein das Glück, einen familienfreundlichen Arbeitgeber zu haben, der zum Beispiel eine flexible Arbeitsorganisation und Kinderbetreuung anbietet. Fakt ist auch: Im Vergleich zum männlichen Geschlecht ist frau zwar die bessere Alltagsmanagerin, ein Multitasking-Talent und eine wahre Organisationskünstlerin, doch irgendwann bringen Doppelbelastung und anhaltende Anspannung jede noch so gefestigte Work-Life-Balance ins Wanken. Hinzu kommen die eigenen Ansprüche, allen Rollen gerecht werden zu wollen. Ein Anliegen, das bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern. Dabei bleiben die eigenen Bedürfnisse oftmals auf der Strecke. Wer dauerhaft aus dem Gleichgewicht gerät, packt sich negativen Stress auf die Schultern, und können diese die schwere Last nicht mehr tragen, kommt früher oder später die Quittung, auf der ganz unten Burn-out steht. 

Quelle: Statista, 2017

Gesundheitskiller Überstunden

Doch damit nicht genug: Wissenschaftler der Ohio State University haben sich einen Risikofaktor mal genauer angeschaut und kamen zu dem Ergebnis, dass dieser nicht nur ungesund ist, sondern zu gefährlichen Langzeitfolgen führen kann. Die Rede ist nicht von Tabakkonsum, auch nicht von starkem Übergewicht. Es geht in der im „Journal of Occupational and Evironmental Medicine“ veröffentlichten Studie um Überstunden. Insbesondere Frauen mit einem Arbeitspensum ab 50 Stunden seien gefährdet. Ab 60 Wochenstunden verdreifache sich sogar das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes mellitus, Krebs oder Arthritis zu erkranken. „Besonders Frauen, die mehrere Rollen gleichzeitig zu stemmen haben, bekommen die Effekte intensiver Arbeit zu spüren und das schafft die Basis für eine Bandbreite von Krankheiten und Einschränkungen“, so Studienautor Allard Dembe. Er fordert von Unternehmen, ihren Mitarbeitern etwa mit flexiblen Arbeitszeiten und gesundheitlicher Fortbildung unter die Arme zu greifen. Gleichzeitig warnt Dembe: „Frauen, die 20, 30 oder 40 sind, denken nicht unbedingt darüber nach, welche Probleme daraus später im Leben folgen.“ Sollten sie aber, und zwar nicht nur was die Reduktion von Überstunden anbelangt. Laut einer Befragung der Techniker Krankenkasse (TK) sind übrigens nicht nur Berufstätige gefährdet: Auch viele Hausfrauen, rund 40 Prozent, sind genauso gestresst wie Manager, fühlen sich also am Limit. 

Ernährung: Das macht Laune

Viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch und bitte kein Junk Food – eine ausgewogene Ernährung hat bekanntlich einen positiven Einfluss auf die allgemeine Gesundheit. Neu ist, dass der Effekt auf die mentale Konstitution bei Frauen größer ist als bei Männern. Im November veröffentlichten die Ernährungswissenschaftlerin Lina Begdache und ihr Team von der Binghamton University dazu ihre Erkenntnisse im Fachmagazin „Nutritional Neuroscience“. Frauen hätten demnach ein doppelt so hohes Risiko, aufgrund der Nahrung eine Angststörung oder Depression zu entwickeln. „Männer sind eher in der Lage, sich trotz einer eher ungesunden Ernährung mental fit zu fühlen“, meint Begdache. Die Studie unter 563 Teilnehmern zeige aber auch, dass frau mit der richtigen Wahl an Lebensmitteln ihre Stimmung ganz einfach verbessern kann. Experten raten zu gesunden Fetten, Vitamin B-haltigen Hülsenfrüchten, Lebensmitteln, die Selen enthalten und ausreichendem Wassertrinken. Wer mental gut drauf ist, kommt auch besser durch die verschiedenen Phasen im Leben. Jede ist auf ihre Art und Weise spannend und birgt so ihre ganz besonderen Herausforderungen. Diese zu meistern, ist nicht immer einfach. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder in Achtsamkeit zu üben, auf seinen Körper und sein Bauchgefühl zu hören und (Warn-)Signale ernst zu nehmen. Die gute Nachricht: Frauen sind laut Studien Krankheitssymp­tomen gegenüber deutlich sensibler und verhalten sich präventiver, indem sie etwa auch konsequenter in puncto Vorsorgeuntersuchungen sind. Sie wollen den Ursachen für ihre Beschwerden auf den Grund gehen und diese nicht nur kurzfristig in den Griff bekommen. Weiter so!

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